[top.htm]

Home
Nach oben

Copyright © 1999
by  Hans Engels

Nico-Net

Ihr Wegbereiter ins "soziale" Internet
Stand: 01.01.2009

 

Frank Farrelly / Arnold M. Ludwig

Die Waffen des Wahnsinns


Es hat sich eingebürgert, psychisch Kranke, insbesondere chronisch Schizophrene, als arme, hilflose, unglückliche Wesen anzusehen, die durch Familie und Gesellschaft krank gemacht und durch langfristige Hospitalisierung in ihrer Krankheit festgehalten werden.

Diese Patienten werden als hilflose Opfer beschrieben, die ohnmächtig den übermächtigen Einflüssen ausgeliefert seien, welche ihr Leben bestimmen und ihre Psychopathologie prägen.
Aus einer solchen Sicht ergibt sich zwangsläufig eine Behandlungsphilosophie, die darauf abzielt, alle sozialen und institutionellen Zwänge zu vermindern, die für das Elend des Patienten (angeblich) verantwortlich sind.

Freilich, Theoretiker und Kliniker, die die Entstehung und Erhaltung einer chronischen Schizophrenie auf diese Weise erklären, haben einen weiteren Missetäter außer acht gelassen: den Patienten selber.
Fachleute scheinen die simple Möglichkeit übersehen zu haben, daß Schizophrene Patienten ganz einfach deshalb chronisch werden, weil sie sich dafür entscheiden.

Zweifellos könnten unzählige Expertisen zitiert werden, die eine derartige Vereinfachung des Problems widerlegen.
Wir leugnen auch nicht die Komplexität des Problems oder die Vielfalt theoretisch möglicher Faktoren, die man für das Verständnis und die Behandlung der chronischen Schizophrenie heranziehen sollte.
Wir behaupten jedoch, daß alle diese theoretischen Überlegungen wenig praktische Bedeutung haben für die gegenwärtige Behandlung dieser Patienten.
Wir sind derzeit noch nicht in der Lage, krankhafte Gene zu entwirren, Vergangenes ungeschehen zu machen, die Gesellschaft umzuformen oder psychiatrische Kliniken abzuschaffen. So bleibt uns eine bescheidenere, aber dennoch gewaltige Aufgabe: die Behandlung des Patienten selbst.
Es geht vor allem darum, mit dem fertig zu werden, was ist - und nicht mit dem, was sein sollte oder möglicherweise gewesen ist. Nach unserer eigenen Erfahrung liegt die Aufgabe weniger darin, Faktoren außerhalb des Patienten zu ändern. Vielmehr geht es darum, bestimmte Haltungen der Patienten und daraus  folgende Verhaltensweisen zu verändern - ebenso wie komplementäre, in letzter Zeit üblich gewordene Einstellungen auf Seiten der Gesellschaft und des Pflegepersonals, die das Grundproblem verschärfen und effektives therapeutisches Handeln verhindern.

Wir hatten Gelegenheit, eine Gruppe von 30 männlichen und weiblichen Patienten eingehend zu beobachten und mit ihnen zu arbeiten; sie erhielten ein Minimum am Medikation und lebten in einer experimentellen Therapiegruppe zusammen. In einem früheren Artikel (in: The Code of Chronicity, Archives of General Psychiatry, Dezember 1966) haben wir eine Anzahl charakteristischer Einstellungen und Verhaltensweisen sowohl der Patienten als auch des Personals beschrieben, die geeignet sind, der Chronifizierung Vorschub zu leisten. Diese  Einstellungen umfassen das, was wir den "Kodex der Chronizität" genannt haben.

Die Diskussion dieses Kodex geht von fünf wichtigen klinischen "Tatsachen" aus, die u.E. dem Verhalten chronisch Schizophrener zugrundeliegen:

1. Diese Patienten können ihre Verrücktheit benutzen, um Kontrolle über Mitmenschen und Situationen auszuüben.

2. Sie haben einen unbeugsamen Willen und sind wild entschlossen, ihn durchzusetzen.

3. Eine der grundlegenden Schwierigkeiten bei der Rehabilitation dieser Patienten ist nicht so sehr ihr Mangel an Motivation, sondern vielmehr ihre hartnäckige negative Motivation, hospitalisiert zu bleiben.

4. Psychische Erkrankung und Hospitalisation zahlen sich für diese Patienten in vielfacher Weise wirkungsvoll aus.

5. Diese Patienten beweisen ein "instinktives Geschick", wenn es darum geht, bestimmte Reaktionen auf Seiten des Personals, der Familie und der Gesellschaft im allgemeinen zu provozieren, die ihre fortgesetzte Hospitalisierung und die damit verbundenen Vorteile garantieren.

 

Mit diesen Charakteristika hängen weitere Merkmale zusammen, die für solche Patienten typisch sind; wir wollen sie näher beschreiben, weil sie für unsere grundlegende These bezüglich des Patienten-Verhaltens von Bedeutung sind.
Diese weiteren Besonderheiten sind während der verschiedenen Phasen unseres therapeutischen Forschungsprogramms allmählich in unser Blickfeld geraten. Wir wollen sie hier die "Waffen des Wahnsinns" nennen. Es ist uns nämlich zunehmend klarer geworden, daß die Patienten über ein stattliches Arsenal kontra-therapeutischer Waffen verfügen und diese auch wirkungsvoll gegen die Rehabilitationsbemühungen des Personals einsetzen. Diese Waffen erreichen nicht nur ihr Ziel, sie werfen auch zusätzlichen Gewinn ab in Form einer Reihe vorhersehbarer Reaktionen des Personals. Um es mit diesen Waffen aufzunehmen, muß man sie erst einmal erkennen. Deshalb hatten wir das Bedürfnis, diese Waffen und ihre Auswirkungen zu beschreiben. Zudem haben wir die Überzeugung gewonnen, daß sie zum Zweck der Rehabilitation ausgeschaltet werden müssen. Deshalb ist es notwendig,die daraus folgenden therapeutischen Konsequenzen und ethischen Fragen sorgfältig zu betrachten. Genau das wollen wir tun.

Weiter geht's unter " Waffenarsenal "

 

Anzeige
Sie haben einen Traum?
Hier geht er in Erfüllung!

www.shop-der-traeume.de